Es war einmal...

Diessenhofen liegt auf halbem Weg zwischen Stein am Rhein und Schaffhausen auf einer trapezförmigen Terrasse über dem Südufer des Rheins. Diese verjüngt sich im Westen zu einem Sporn.

Hier erhebt sich der 1294 zum ersten Mal erwähnte Unterhof, der in eine dreieckige Kernburg und einen Vorhof gegliedert ist.

Die ur- und frühgeschichtlichen Spuren

Das Areal des Unterhofs war bereits in urgeschichtlicher Zeit ein beliebter Siedlungsplatz. Die Benutzung beginnt in der Jungsteinzeit und reicht bis in die Eisenzeit.
Die seit langem im Bereich des Städtchens gesuchte römische Wehranlage kann aufgrund der Funde als gesichert gelten.
757 trat Diessenhofen ins Licht der Geschichte. Durch die Schenkung des Priesters Lazarus, der wohl aus einer fränkischen Adelssippe stammte, kam das Kloster St. Gallen in den Besitz einer Kirche samt zugehöriger Siedlung namens Deozincova, Diessenhofen.
Der heutige Thurgau war seit fränkischer Zeit Teil der gleichnamigen Landgrafschaft des deutschen Reiches. Er war ab 1079 im Besitz von Hartmann I. von Kyburg. Wenn auch die genauen Umstände ungeklärt sind, dürfte das Dorf Diessenhofen damals in kyburgischen Besitz gelangt sein. In dieser Zeit des 11. und frühen 12. Jahrhunderts gab es eine Siedlung im Bereich des Unterhofs.

Die Turmburg von 1186

Die Grafen von Kyburg verliehen 1178 ihrem Dorf Diessenhofen die Stadtrechte. Die neue Stadt sollte die Brücke, die einzige Verbindung zu den kyburgischen Besitzungen nördlich des Rheins, schützen. Aus dieser Zeit stammt der älteste Teil des Unterhofs, der mächtige, 1186 erbaute Turm. Die Anlage war von einer Ringmauer umgeben und mit der südlichen Stadtmauer und dem Zolltor am Rhein verbunden.

Bild vom Turm

Aufgrund der Lage der Burg, ihrer Rechte als Freihof und ihrer Ausstattung kann davon ausgegangen werden, dass sie als Wohn- und Amtssitz des kyburgischen Beamten, der die Stadt verwaltete, errichtet wurde.

 

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Der grosse Ausbau von 1278 nach dem Übergang an Habsburg

Nach dem Tod des letzten Kyburgers im Jahr 1264 ging der Thurgau an die Habsburger. Diese bauten eine straffe Verwaltung ihrer Territorien auf. Dabei stützten sie sich auf einen starken Ministerialenadel, der gefördert und für treue Dienste reich mit Gütern und Pfändern belohnt wurde.
Einer dieser Ministerialen war Ritter Heinrich von Hettlingen, der erste, seit 1241 fassbare Besitzer des Unterhofs. Er hatte von den Kyburgern den Truchsessentitel verliehen bekommen und gehörte zu den wenigen kyburgischen Ministerialen, die in habsburgische Dienste übernommen wurden.
Die österreichischen Herzöge betrauten Heinrich mit der Verwaltung von Amt und Stadt Diessenhofen. Oft war er ausserdem als Zeuge und Schiedsrichter bei Rechtshändeln und Geschäften seiner Herren anwesend. Im Bewusstsein seiner neuen Stellung ordnete Heinrich zwischen 1276 und 1278 den ersten Ausbau seiner kleinen Burg an.

 Skizze Fassade Skizze Aufriss

Der Palast von Hofmeister Johannes

Um 1300 war Diessenhofen ein wichtiger regionaler Stützpunkt der Habsburger. Führend war seit 1294 Heinrichs Sohn Johannes, Truchsess von Diessenhofen. Sein Geschlecht gehörte im 14. Jahrhundert zur Spitzengruppe der habsburgischen Ministerialen.
Johannes war eine Hauptstütze der habsburgischen Politik in der Region. In seine Zeit fällt der bauliche Höhepunkt des Unterhofs: der Palas über dem Rhein. Der Hofmeister errichtete ihn 1318 als Symbol seiner Macht und seines Reichtums.

Fenster vom alten Unterhof Tor

Die Kelleranlagen von 1329

Der Rhein stellte die Lebensader der Stadt dar. Viele Güter für den Markt kamen per Schiff, ausserdem wurde Wein ausgeführt. Eine wichtige Einnahmequelle für die Truchsessen waren im 14. Jahrhundert die Markt-, Transit- und Brückenzölle. Deshalb liess Hofmeister Johannes um 1329 einen weiteren Ausbau seiner Burg vornehmen. Das nördliche Gebäude des Ostflügels sowie die Ostwand des Turms wurden um rund 2,50 m unterfangen und als Weinkeller ausgebaut: eine zur damaligen Zeit grossartige technische Leistung.
Vor dem Keller befand sich ein offener Hof. Ein grosses Portal in der Nordmauer, die das Unterhofareal abschloss, ermöglichte von dort den Zugang zum Rheinufer und zur Schifflände. Die Nachkommen von Johannes veränderten nur noch wenig am Unterhof.

Kellergewoelbe Grundriss

Untergang der Truchsessen

Seit 1408 wohnte mit Hans Molli ein Mann im Unterhof, der den Abstieg seines Geschlechtes förmlich zu verkörpern schien. Seine jähzornige Art trug ihm jahrelange Streitigkeiten und verlorene Prozesse ein. Er war dauernd in finanziellen Nöten und musste Stück für Stück seines Besitzes veräussern.

Unter den Eidgenossen

1460 eroberten die Eidgenossen den Thurgau. Diessenhofen wurde zum Stützpunkt für eidgenössische Vorstösse über den Rhein. Im gleichen Jahr erwarb die Stadt die Vogtei samt Unterhof. Der Turm wurde Teil der Stadtbefestigung. Die Wohngebäude verkaufte man 1474 an Ritter Johannes von Randegg.
Von 1520 bis 1609 war die Burg im Besitz der Ritter von Schellenberg. Sie bauten 1593 das erste Obergeschoss des Südostgebäudes um und setzten dabei die heutigen Fenster an der Ostfassade ein.
Von 1627 bis 1725 diente der Unterhof den Junkern von Greuth als Wohnsitz. Sie liessen die Wohnräume ausmalen. In der grossen Wiese südlich der Burg legte Hans Jacob von Greuth 1627 einen Garten in barocker Manier an.

Verfall im 18. Jahrhundert

Der verschuldete Paul Dominik von Greuth musste den Unterhof 1725 an die Stadt Diessenhofen verkaufen. Diese richtete darin zuerst Mietwohnungen ein und veräusserte die Wohngebäude 1735 an Jakob Huber.

Die Familie Brunner

Der Postsekretär Johannes Brunner erwarb den Unterhof in zwei Abschnitten. 1783 ersteigerte er die Wohngebäude. Als die alte Stadtherrlichkeit unter dem Ansturm der französischen Truppen untergegangen war und die Stadtbefestigungen nicht mehr gebraucht wurden, kam er 1801 auch in den Besitz des Turmes.
Die seit dem 16. Jahrhundert in Diessenhofen nachweisbare Familie Brunner stellte eine Reihe von Ärzten und Apothekern, die teilweise weit über Diessenhofen hinaus wirkten. Johannes Brunner nahm die wesentlichen Umbauten vor, die dem Unterhof sein bis 1990 gültiges Aussehen gaben. 1793 baute er das nördliche, im folgenden Jahr das südliche Gebäude des Ostflügels um. 1801 wurde der neu erworbene Turm teilweise abgebrochen, denn sein abfliessendes Dachwasser hatte gestört. Die Renovation des Palas erfolgte 1805.

BurgZu erneuten Innenumbauten kam es 1830, als Dr. Johann Brunner im ersten Obergeschoss des Palas seine Augenklinik einrichtete, weitere folgten um 1850 und um 1904/09.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren nur noch Teile des Unterhofs bewohnt. Die Gebäude verfielen zusehends, der Palas drohte einzustürzen.


Vom Umbau 1989 bis heute


Burg im UmbauIn einem von 1989 bis 1991 dauernden Umbau wurde der Unterhof vollumfänglich restauriert und bis 2001 als Kaderschmiede, resp. Aus- und Weiterbildungszentrum der Winterthur Versicherungen genutzt.

 

Seit 2002 ist der Betrieb sehr erfolgreich als eines der aussergewöhnlichsten Seminarhotels der Schweiz positioniert! Heute harmonieren geschichtsträchtige Mauern, zeitgemässes Design sowie neueste Digitaltechnik in reizvollem Kontrast und begeistern unsere Gäste aus Nah und Fern.

Weiterführende Literatur: Baeriswyl, A. u. Junkes, M. (1995) Der Unterhof in Diessenhofen. Von der Adelsburg zum Ausbildungszentrum. Archäologie im Thurgau 3. ISBN 3-905405-02-4.